Berichte in Contraste und Graswurzelrevolution

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In der 500. Ausgabe der Zeitung Contraste ist ebenso wie in der Graswurzelrevolution Nr. 509 zwei verschieden gelagerte Berichte zu unserer Tagung veröffentlicht worden. Im Folgenden der aus der Contraste – und nebenbei: Alles Gute zur 500. Ausgabe!

Eine Zusammenkunft zu anarchistischen Studien

Vom 19. bis 22. März versammelten sich einige Interessierte in Leipzig zur Tagung „Myzelium“ für anarchistische Studien. Die Veranstaltung war komplett selbstorganisiert und durch die Spenden der Teilnehmenden finanziert. Das eher seltene Format hatte offenbar einige neugierig gemacht…

Eine Tagung zu anarchistischen Studien

Zufälligerweise gleichzeitig zur Buchmesse wurde das neue Uni-Gebäude der Erziehungswissenschaften der Uni Leipzig mit einer seltenen Veranstaltung belebt. Schätzungsweise 200 Personen aus verschiedenen deutschen Städten folgten der Einladung zur Myzelium-Tagung, lauschten Beiträgen, brachten sich in Diskussionen ein, begegneten sich und tauschten sich aus. Obwohl vor allem die Szene-typische Generation Anfang 20 bis um die 30 Jahren zusammenkam, kamen durchaus auch Leute höherer Semester zur Tagung. Neben den 26 inhaltlichen Programmpunkten von denen die meisten in vier Räumen parallel zueinander liefen, gab es auch Eröffnungs- und Abschlussrunden und einen Groß-Workshop mit dem Titel „Kollektive Intelligenz“.

In Hinblick auf vertretene Fachgebiete gab es eine Gliederung von Geschichtswissenschaften, Politischer Theorie, Ethnologie und Philosophie. Es gab aber auch ein Panel zu Archäologie und der Auftakt geschah durch eine naturwissenschaftliche Herangehensweise, die „Forschungskultur zwischen Institution und Selbstorganisation“ beleuchtete. Darüber hinaus gab es sechs Workshops und auch explizit einen Zeitraum, in dem Vernetzung stattfinden konnte. Zumindest die Vorträge wurden audio aufgezeichnet und sollen nachträglich noch zur Verfügung gestellt werden. Das Besondere am gewählten Format bestand darin, dass gezielt Schnittpunkte zwischen Wissenschaft, sozialen Bewegungen und anarchistischer Szene hergestellt und diskutiert werden sollten. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das verlängerte Wochenende für zahlreiche Beteiligten eine intensive, lebendige und hoffentlich bereichernde Erfahrung war.

Selbstorganisation in ungewohnter Umgebung

Universitäten sind für einige anarchistisch eingestellte Personen durch ihr eigenes Studium bekannt und für wenige von ihnen auch eine Umgebung, der sie zumindest einen Teil ihres Engagements widmen. Dagegen würden andere aus diesen Kreisen eine Uni nicht ohne stichhaltigen Grund betreten. Abgesehen davon, dass öffentliche Gebäude für eine derartige mittelgroße Veranstaltung geeignet sind, sollte Myzelium sich auf diese öffentlichen Institutionen ausdehnen und dort selbstverständlich auch stattfinden dürfen. Jedenfalls war es interessant, die Räume zu nutzen und zu bespielen. Die Organisation der Tagung wurde über einen längeren Zeitraum von wenigen Menschen getragen und dann wurde dann in der unmittelbaren Vorbereitung und Umsetzung durch einige Mitwirkende unterstützt.

Insofern es im deutschsprachigen Raum kein etabliertes Netzwerk für anarchistische Studien gibt, stellte das Format ein Wagnis mit dar. Mit einigen Ungereimtheiten, etwas Improvisation und vor allem viel Engagement, war die Veranstaltung ein überraschender Erfolg. Zwar hatte es zwischen 2015 und 2019 in Hamburg den Kongress „Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaften“ gegeben. Doch abgesehen davon, dass dies schon wieder eine ganze Weile her war, wurde auf diesem kaum zur Debatte gestellt, was anarchistische Studien überhaupt sein sollen, wer sie verfolgt, mit welchem Zweck, mit welchen Methoden und mit welchen Formen sie betrieben werden können. Weiterhin sollte mit Myzelium zumindest der Anstoß dafür gegeben werden, anarchistische Studien im deutschsprachigen Raum selbst zu organisieren, statt lediglich bestimmte Inhalte zu thematisieren. Inwiefern dies aufgegriffen und – über die oft kurzlebige Begeisterung hinaus – weitergeführt wird, wird sich zeigen.

Ort der Begegnung und des Austauschs

Die Organisationsgruppe schrieb in ihrem Vorwort zum Programm, dass sie mit der Tagung vor allem Folgendes ermöglichen wollte: Die Vorstellung fachlich fundierter Themen im Rahmen des Anarchismus, Bildung der Teilnehmenden, Austausch und Begegnung, sowie eine gemeinsame Diskussion darüber „wer wie wozu und womit anarchistische Studien betreibt und was wir damit wollen“. Diese Punkte erfüllten sich durchaus. Der dritte Aspekt, die Begegnung und der Austausch, erscheinen allerdings insofern am wertvollsten, als das bestimmte Inhalte zum Beispiel auch in Büchern gelesen werden können und die Debatte um das „Was? Wozu? Warum?“ wohl eher im Nachgang weiter verfolgt werden kann. Es ist immens wichtig, dass Menschen unter bestimmten Labels, mit bestimmten Motivationen und Erfahrungshintergründen direkt aufeinanderstoßen und in Kontakt kommen können. Auf der Tagung wurden Verbindungen zusammengebracht und sichtbar, die bereits vorher bestanden. Andere wurden hingegen hergestellt oder neu verknüpft.

Wer sich einen Überblick verschaffen, mit etwas Abstand nach den Audio-Aufnahmen schauen oder von einem eventuellen Folgetreffen mitbekommen will, kann sich auf der Homepage der Tagung informieren: myzelium-tagung.de